Saalhauser Bote Nr. 25, 2/2009
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Biu schoin is et dann, en Duarpkind te seyn

-Fortsetzung- Kindheitserinnerungen und mehr...!

-Von Friedrich Bischoff-

Nicht wer viel sieht, sieht viel, sondern wer bewusst hinsieht. Dazu bedarf es der Zeit, der inneren Ruhe und des Interesses an Beobachtungen und neuen Erkenntnissen.  

Bewusstes Sehen, genaues Hinsehen ist unabdingbar an Zeit gebunden. Der hektische Blick oder der flüchtige Moment werden nicht zu einem Seherlebnis und besitzen keine prägende oder sich einprägende Kraft.  

Die Dinge so zu sehen, wie sie sich in Wirklichkeit zeigen und nicht, wie man sie sehen will, setzt voraus, dass man Sehen gelernt hat. Diese zugegeben etwas abstrakten Gedanken besaßen für uns in unserer Zeit damals jedoch einen überaus realen Bezug.  

Die überwältigenden Ereignisse des Krieges, die auf Tod und Verderben ausgerichtet waren und die sich uns unauslöschlich eingeprägt haben, traten im aktuellen Zeitgeschehen allmählich in den Hintergrund. Die Verderben darstellenden Bilder wichen den neuen Eindrücken von Aufbau und Wachsen.  

Und hier gab es für uns Kinder reichlich zu sehen und zu erleben. Aber wir sahen und erlebten nicht nur, sondern wir hatten auch die entsprechende Zeit und ein überaus reichliches Angebot an „Seherlebnissen”.  

Das ganze Dorf befand sich – wie überall im Lande – im Aufbau. Irgendwann waren die Kriegsschäden beseitigt und es begann eine Zeit, die man später einmal mit dem Begriff „Wirtschaftswunder” belegte. Das war auch in Saalhausen unübersehbar.  

Das Fragment des Apfelbaumes in Müllers Garten.
Das Fragment des Apfelbaumes in Müllers Garten.
 

Für mich wurde es jedes Mal zu einem spannenden Erlebnis, wenn ich bei Müllers vom Küchenfenster unserer Wohnung aus beobachten konnte, wie auf dem Appelkamp gegenüber, auf dem in späteren Jahren die Volksbank errichtet wurde, mit einem Pferdefuhrwerk Bauholz in Form von gleichmäßig geschnittenen Balken angefahren wurde. Es war klar: Die Bauschreinerei Hamers wird diese Balken für ein neues Fachwerkhaus bearbeiten.  

Dazu wurden sie als erstes auf viele verschiedene Längen geschnitten und die gleichlangen Balken zusammengefasst und gestapelt. Musste hier bereits mit großer Genauigkeit gearbeitet werden, so wurde es dann jedoch richtig kompliziert, wenn an den Enden der Balken und irgendwo im Verlauf der gesamten Länge Nuten, Federn, Falzen, Zapfen, Ecken und Löcher gesägt, gefräst, geschnitten, gehobelt und gebohrt wurden. Die genauen Maße – und es musste sehr genau gearbeitet werden – holten sich Meister und Gesellen von den Bauzeichnungen, die für uns Kinder ein Buch – besser – ein Blatt mit sieben Siegeln waren. Es dauerte schon eine geraume Zeit, bis auch der letzte Balken zugeschnitten war.  

Und dann kam der spannendste Augenblick: Die nunmehr fertig bearbeiteten Balken wurden probehalber zusammengesetzt. Wir konnten mit ansehen, wie sich durch jeden Balken, der eingesetzt wurde, zunehmend ein Bild ergab. Jetzt musste es sich erweisen, ob auch jeder Balken und jedes Detail seinen richtigen Platz hatte, so dass alles zusammen ein stimmiges Ganzes ergab. Und wenn es so war, dann lag am Ende z.B. eine ganze Giebelseite vor uns auf der Wiese.  

Es war jeweils ein beinahe feierlicher Augenblick, wenn so zum ersten Mal das fertige Werk betrachtet werden konnte. Später erinnerte mich dieser Augenblick immer ein wenig an den Moment, bei dem beim Glockenguss die Glocke, von ihrer Form befreit, sich nun als Ergebnis von Fleiß und Können erstmals dem Betrachter zeigt. Passte auf der Wiese alles zusammen, so gab es auch keine Probleme bei der Errichtung des Fachwerks. So habe ich bis zum Jahre 1955, dem Jahr unserer Rückkehr nach Bochum, etliche Fachwerkhäuser im Dorf entstehen sehen.  

Eines aber wurde hier in besonderer Weise deutlich: Wir Kinder hatten die Zeit und besonders die Gelegenheit solche Dinge vom ersten bis zum letzten Hammerschlag bewusst zu sehen, in allen Einzelheiten zu beobachten und mitzuerleben. Daraus erwuchs die sehr frühe und so wichtige Erkenntnis, dass jede gute Arbeit ihren Preis an Fleiß und Können hat, wobei über allem das verantwortungsbewusste Planen und Handeln steht.  

Wenn man genau hinsah, begegneten uns diese Bilder in allen Lebensbereichen innerhalb des Dorfes. Sei es nun der Handwerker in seiner Werkstatt oder an seinem jeweiligen Arbeitsplatz, der Bauer mit seinem Vieh im Stall und auf den Wiesen und Feldern draußen oder wo sonst auch immer: die Arbeit, die der Einzelne verrichtete, wurde als Aufgabe gesehen, die es in voller Verantwortlichkeit zu erledigen galt. Selbstverständlich ging es hier auch ums Geldverdienen, doch nur zu jobben, um möglichst viel „Kohle” auf der Hand zu haben, ist eine Denkweise, die der damaligen Zeit weitestgehend fremd war.  

Solche Maßstäbe galten auch für uns Kinder, wenn wir unsere kleinen oder auch größeren Aufgaben zu erledigen hatten. Dabei wurde selten danach gefragt, ob man etwas gern tat, wenn es eben erledigt werden musste.

So habe ich noch heute als Negativbeispiel das regelmäßige Wäschewaschen in Erinnerung, das ja an sich als Frauenarbeit galt. Dem entsprechend fühlten wir, mein Bruder und ich, uns auch. Zwar besaßen wir bereits eine Waschmaschine, die jedoch mit Muskelkraft betrieben werden musste und das war jedes Mal unser Schicksal. Diese Maschine bestand aus einem an der Innenwand geriffelten Holzbottich und einem unter dem Deckel angebrachten Drehkreuz. Dieses Drehkreuz musste mittels einer Stange und zwei Griffen an den Enden bei geschlossenem Deckel oberhalb desselben im Halbkreis hin und her geschlagen werden. Das war eine schweißtreibende Arbeit, die sich über Stunden hinzog. Zwar gab es bereits Maschinen, die die menschliche Muskelkraft durch eine mit Wasser getriebene Kolbenpumpe ersetzte, doch einen solchen Luxus besaßen wir nicht.  

Gerne erinnere ich mich daran, dass häufig, wenn wir erschöpft die Arme sinken ließen, die alte Frau Müller, wie sie damals genannt wurde, die Mutter von Kurt, zu uns kam und uns einen saftigen, rotweißen Apfel zusteckte. Der Apfel kam von einem Baum in ihrem Garten, von dem wir uns zur Zeit der Reife immer wieder mal einen abpflücken durften. Dieser Baum steht heute noch als Fragment an gleicher Stelle.  

Ungleich beliebter waren die Augenblicke zur Zeit der Kartoffelernte im Herbst. Da konnte es geschehen, dass morgens während des Unterrichts in der Schule, plötzlich die Klassentür geöffnet wurde und ein Saalhauser Bauer mitten im Klassenraum stand. Er bat dann Lehrer Plitt oder Lehrer Stöwer um einige Schüler, die beim Kartoffellesen helfen sollten. Da die einheimischen Kinder meist selbst Kartoffelfelder besaßen, bot sich uns die Gelegenheit, nicht nur dem Unterricht zu entgehen, sondern uns den ganzen Tag draußen aufzuhalten und mit Brot und guter Butter auf den Feldern versorgt zu werden. Die Arbeit selbst war hart. Sie dauerte manchmal den ganzen Tag und es durfte keine Kartoffel übersehen werden. Abends konnten wir oft nicht mehr den Rücken beugen.  

Dennoch waren wir glücklich und zufrieden, besonders dann, wenn wir auch noch eine oder gar zwei Mark zusätzlich bekamen. Dieses Geld wurde dann für Weihnachten gespart. Es war jedoch keineswegs so, dass wir ununterbrochen und mit aller Strenge auf den „Ernst des Lebens” vorbereitet wurden. Im Gegenteil. Welches Kind hat heute solche Freiräume, um sich in den verschiedensten Bereichen zu erproben und auszuprobieren, wie wir sie hatten.  

Dabei konnte es durchaus geschehen, dass wir auch mal über das Ziel hinaus schossen und plötzlich vor logistischen oder auch kognitiven Problemen standen.  

Wie z.B. schafft man es, Eier aus Nestern, die wir plötzlich entdeckten und die außer uns niemand kannte, von Heuböden die Leiter herunter zu transportieren, wenn man die Hände für den sicheren Halt auf der Leiter benötigte?

Die Hosentaschen erwiesen sich jedenfalls als ein nicht sonderlich geeignetes Transportmittel. Selbst wenn wir die Leiter noch unbeschadet überstanden, so sorgte der schnelle Heimweg dann für das endgültige Aus. Spätestens jetzt lernten wir die Beschaffenheit der Eier kennen, wenn uns Eigelb und Eiklar aus den kurzen Hosen heraus die Beine hinunter liefen und wir dann alle Mühe hatten, beides möglichst unbemerkt zu reinigen.  

Eine andere Lösungsmethode erwies sich dann als wesentlich praktikabler: Wir machten den Bauer auf die Fremdnester aufmerksam und bekamen dafür einige Eier geschenkt.  

Wird fortgesetzt.


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