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Saalhauser Bote Nr. 26, 1/2010
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Wohlauf in Gottes schöne Welt Kindheitserinnerungen und mehr...!

Von Friedrich Bischoff
 

Wohlauf in Gottes schöne Welt,
lebe wohl, ade!
Die Luft ist blau und grün das Feld, lebe wohl, ade!
Die Berge glühn wie Edelstein;
ich wandre mit dem Sonnenschein,
ins weite Land hinein.
 

Auch wir „durchwanderten” im übertragenen Sinne die einzelnen Lebens- und Entwicklungsphasen wie alle jungen Menschen, die sich auf den Weg machen, die Welt zu erkunden und ihren eigenen Platz in der neu zu entdeckenden Welt zu suchen und zu finden. Aus der Sagen- und Märchenphase, wie die Entwicklungspsychologen sagen, in der die Welt mit gläubigem und von Vertrauen getragenem Staunen erfahren wird, wuchsen auch wir hinein in die Phase des so genannten kritischen Realismus, in der wir zunehmend unsere Umwelt und die Dinge, die uns begegneten, kritisch zu betrachten und in Frage zu stellen begannen. Damit einher – oder auch als Auslöser – begann die Pubertät, die Phase des körperlichen und meist nachziehenden seelischen Reifens, die das Leben eines jeden jungen Menschen in entscheidender Weise prägt.  

Bei uns zeigte sich das an einer sich neu orientierenden Interessenlage. Das große Dorf, das bis jetzt noch Ort der Sicherheit und Geborgenheit und gleichzeitig Tummel-, Spiel- und Abenteuerplatz war und uns die besten Voraussetzungen bot, uns zu entfalten und Mut und Kraft zu entwickeln für all das, was noch auf uns zukommen sollte, dieses große Dorf wurde allmählich immer überschaubarer und enger. Die Großen im Dorf, zu denen wir Kleinen emporblickten, verloren allmählich an Größe, so dass wir uns bald auf gleicher Augenhöhe trafen. Der immer stärker werdende Wunsch, über die dörflichen Grenzen hinaus Neues zu sehen und zu erleben, trieb uns hinaus.  

Und hier begegnete uns eine Person, die uns nicht nur verstand sondern uns auch in unseren Wünschen lenkte und förderte: Heinz Krüsemann.  

Wir hatten mit wechselndem Fleiß die sechste Klasse – damals noch eine reine Jungenklasse – erreicht, als am 22. November 1949 ein großer junger Mann mit Brille unseren Klassenraum betrat. Unser damaliger Schulleiter, Herr Stöwer, stellte ihn uns als unseren neuen Lehrer, Heinz Krüsemann, vor. Als er uns ansprach, fiel mir als erstes sein rollendes Zungen-R auf. Dieses „R” sollte später noch eine Bedeutung bekommen. Jetzt aber erfuhren wir, dass er in unserer Klasse den Musikunterricht übernehmen würde.  

Ob es bei allen Mitschülern so war, sei dahin gestellt. Ich jedenfalls wartete schon mit großer Spannung auf die erste Musikstunde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Herr Krüsemann brachte gleich zur ersten Stunde seine Gitarre mit und es wurde munter drauflos gesungen. Und hier begann für mich ein Abschnitt, der nicht zuletzt auch für mein späteres Berufsleben von großer Bedeutung wurde. Hier wurde nicht nur meine Liebe zur Musik, die ohnehin schon vorhanden war, vertieft, nein, hier bekam die Musik durch den fachlichen Umgang mit ihr eine erkennbare und begreifbare Form.  

Herr Krüsemann brachte also nicht nur seine Gitarre mit, sondern er spielte auch darauf. Das allein schon weckte in mir den Wunsch, so etwas auch zu können. Dass ich später einmal mit eigenen Schulchören und Instrumentalkreisen große Konzerte geben, mit eigenen Schülern bis hin zu Rundfunkaufnahmen arbeiten würde oder im Auftrage der Landesregierung Lehrer ausbilden sollte, konnte ich damals nicht ahnen. Doch genau hier in der kleinen Katholischen Volksschule in Saalhausen nahm alles seinen Anfang.  

Bei Herrn Krüsemann wurde nicht nur sehr viel gesungen, so dass wir alle gängigen Volks- und Wanderlieder lernten. Er brachte uns auch die verschiedensten Instrumente und ihre Funktionsweisen nahe. Ähnlich war es mit der Musiktheorie von der Notenlehre bis zu den ersten Regeln der Harmonielehre. Etwas ganz Besonderes waren die Chorstunden in der Vorweihnachtszeit mit den vertrauten und neuen Advents- und Weihnachtsliedern. Da hier an den Proben überwiegend interessierte Kinder teilnahmen, war es möglich, auch mehrstimmige Liedsätze einzuüben. Einige dieser bis zu vierstimmigen Sätze habe ich später mit eigenen Chören erarbeitet und ich kenne sie noch bis auf den heutigen Tag auswendig.  

Die heute so oft vorgebrachte fadenscheinige Behauptung, dass sei mit den Kindern von heute nicht mehr möglich, ist schlichtweg falsch. Sie zeugt lediglich von der Unfähigkeit der verantwortlichen Personen, die Kinder in geeigneter Weise an die Welt der Musik heranzuführen, trotz der scheinbar übermächtigen Vorherrschaft der Musikindustrie. Deren Bestreben muss darauf abzielen, Kinder und Jugendliche in Abhängigkeit von der kommerziellen Musik zu bringen, um Umsätze zu erzielen und Gewinne zu steigern. Es hat sich aber sehr wohl gezeigt, dass die heutigen Kinder durchaus in der Lage sind, das eine zu tun ohne das andere zu lassen.  

Wie erschrocken war ich, als ich eines Tages nach Schulschluss unseren Herrn Krüsemann bei Gastreichs eine Leiter hinauf klettern und in ein Fenster einsteigen sah. Qualm drang aus den Fenstern. Es brannte und Herr Krüsemann wollte helfen. Doch nach kurzer Zeit kam er mit blutender Hand wieder die Leiter herunter. Er hatte sich an der rechten Hand die Sehne des Mittelfingers derart verletzt, dass der Finger später in seiner Beweglichkeit sehr stark eingeschränkt blieb. Bei allem Mitgefühl bewegte mich doch die Frage, ob er denn wohl noch Gitarre spielen könne. Er konnte. Geschickt setzte er die übrigen Finger so ein, dass sie die Aufgabe des Mittelfingers übernahmen.  

Messdiener zu werden war Ehrensache und den Dienst am Altar betrachteten wir als Gottesdienst. Entsprechend ernst nahmen wir die Aufgabe. Jeden Donnerstag eilten wir am späten Nachmittag in die Kirche, um hinten im Kasten den neuen Messdienerplan einzusehen, den Pfarrer Piel aufgestellt hatte. Ob ich denn wohl dieses Mal dabei bin? Diese Frage bewegte uns stets aufs Neue auf dem Weg zur Kirche. War es der Fall, gingen wir glücklich und zufrieden nach Hause, wenn nicht, kam doch Enttäuschung auf. Die ließ man sich natürlich nicht anmerken, denn auch da stand man mannhaft drüber. Dieses wurde mit dem Erscheinen von Herrn Krüsemann anders. Da er selbst aus der Katholischen Jugend kam, kannte er sich sehr gut aus. Es dauerte nicht lange, da rief er alle Messdiener an einem Nachmittag zusammen. Er teilte uns mit, dass er beabsichtige, einmal wöchentlich eine Messdienerstunde einzurichten, wer wolle, könne kommen.

Herr Krüsemann mit seinen Messdienern. Vorne links der Verfasser der Geschichte.
Herr Krüsemann mit seinen Messdienern. Vorne links der Verfasser der Geschichte.
 

Hier mitzumachen, war für uns – somit auch für mich – eine Ehrensache. Jetzt wurde der Messdienerplan für die nächste Woche gemeinsam aufgestellt und es hatte jeder die Möglichkeit sich zum Plan zu äußern. Darüber hinaus hatte Herr Krüsemann die Stunden immer gründlich vorbereitet, so dass immer „etwas los” war. Auch hier spielte seine Gitarre eine wichtige Rolle. Nicht nur, dass wir mit ihrer Begleitung viel sangen und manches neue Lied lernten, hier konnte ich genau beobachten, wie er während des Spielens immer wieder einen geeigneten Fingersatz ohne den steifen Mittelfinger suchte und einübte. Mit der Einrichtung der Messdienerstunden hatte Herr Krüsemann praktisch die „Katholische Jugend St. Jodokus, Saalhausen” gegründet. Wir bezogen eine eigene Zeitschrift „Am Scheidewege” für katholische Jungen. Diese Zeitschrift in Heftform wurde monatlich vom Verlag Haus Altenberg herausgegeben. Wir warteten immer gespannt auf die nächste Ausgabe. Hier konnten wir spannende Geschichten und Berichte aus fernen Ländern lesen und die zugehörigen Bilder betrachten. Es bot sich uns eine neue Welt, die uns aus der dörflichen Erlebniswelt herausführte und unsere Phantasie beflügelte.  

Als besonders lustig empfanden wir die Bildergeschichten mit dem kleinen afrikanischen Jungen Bimbo, der zahlreiche Abenteuer mit wilden Tieren im Urwald zu bestehen hatte. Dass sein Name sofort als Spitzname auf einen Mitschüler wegen seines Kraushaars übertragen wurde, lag auf der Hand. Dass die Haare hellblond waren, spielte dabei keine Rolle. Wir wurden älter und somit auch lehrplanmäßig mit einem ganz neuen, geheimnisvollen und offensichtlich sehr spannenden Thema konfrontiert: der Geschlechtererziehung. Damals wurde sehr fein zwischen Geschlechtererziehung und Geschlechtserziehung unterschieden. Und da dieses Thema nicht rein biologisch betrachtet – hier bekamen wir auf den Höfen im Dorf hinreichend Anschauungsunterricht –, sondern in einem übergeordneten Sinnzusammenhang mit der göttlichen Schöpfung gestellt werden sollte, kam hier für den umgangssprachlich benutzten Begriff Aufklärungsunterricht nur Pfarrer Piel in Frage.  

So mussten eines Nachmittags zunächst wir Jungen und dann die Mädchen sich in der Kirche, oben im Orgelzimmer, versammeln. Hier erklärte uns Pfarrer Piel, dass die Menschen in zwei Geschlechter aufgeteilt seien und dieses vom Schöpfer so eingerichtet worden sei. Beide Geschlechter seien unterschiedlich geschaffen und sie besäßen auch unterschiedliche Lebensaufgaben. Wir Jungen hätten die Aufgabe, die Mädchen rücksichtsvoll, fürsorglich und insgesamt ritterlich zu behandeln. Wir sollten immer daran denken, dass diese Mädchen Frauen und Mütter werden würden und eines von ihnen mit dem einen oder anderen von uns vielleicht einmal den Bund fürs Leben schließen könnte.  

Zuletzt wurden wir Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Pfarrer Piel erklärte uns die Entstehung menschlichen Lebens an Bildern aus der Natur. Er erklärte uns die Bedeutung von Blüten und Pollen und die Aufgabe von Bienen und Schmetterlingen, die diese bei der Bestäubung zu erfüllen hätten.  

Mir ist nicht mehr bekannt, dass uns das alles besonders beeindruckt hätte. Dennoch wurden wir nachdenklicher und rücksichtsvoller gegenüber den Mädchen. Wir begannen, sie in Verbindung mit ihren späteren Aufgaben mit anderen Augen zu betrachten. Die ersten Regungen von Achtung oder gar Ehrfurcht kamen auf, denn wir kannten ja unsere Mütter.  

Das Interesse an den Mädchen war also geweckt. So kam es „unverständlicherweise” immer häufiger vor, dass dem einen oder anderen Jungen das eine oder andere Mädchen plötzlich irgendwie gefiel. Dadurch entstanden langsam Verhältnisse „besonderer Wertschätzung”, die nicht nur absolut geheim zu bleiben hatten, sondern von denen die beiden betroffenen Personen nicht einmal etwas wussten, im Gegensatz zu den lieben Freunden, die immer bestens informiert waren. Woher wohl? Konnten sie versteckte Gefühle erahnen oder heimliche Träume deuten? Ich glaube, auch ich konnte mich dieser neuen Entwicklung nicht ganz verschließen.  

Der Besuch der Messdienerstunde war nach wie vor eine als selbstverständlich empfundene Pflicht. Ebenso selbstverständlich war es, dass nur wir Jungen daran teilnahmen. Was hätten die Mädchen auch bei aller neu erwachten Wertschätzung hier suchen sollen. Messdiener und Mädchen, das schloss sich von selbst aus. Selbst der Gedanke daran lag zu fern. Nur Männer wurden Priester. Somit war es auch selbstverständlich, dass nur Jungen Messdiener wurden. Dass hier etwas nicht stimmte, ahnten wir zwar, aber wir konnten ja nichts daran ändern. Außerdem hätten die Mädchen uns den Platz am Altar streitig gemacht.  

Mir wurde dieses Missverhältnis immer dann besonders bewusst, wenn wir innerlich stolz und äußerlich in Andacht unseren Dienst als Messdiener verrichteten und selbstverständlich ungewollt und rein zufällig unter anderem auch die Aufmerksamkeit der Mädchen erregten. Ich ahnte bei solchen Gelegenheiten durchaus, dass hier etwas nicht stimmte. Wurden sie ausgeschlossen, nur weil sie Mädchen waren? Wie passte das mit dem zusammen, was uns Pfarrer Piel selbst über die Mädchen bei seinen Aufklärungsversuchen gesagt hatte? Außerdem stand doch in der Bibel: „Lasset die Kinder zu mir kommen” und nicht, lasset nur die Jungen zu mir kommen.  

Auch wenn dieses Thema für uns eigentlich kein wirkliches Problem darstellte, so wurden wir dennoch deutlicher darauf gestoßen, als wir in der Ausgabe „Am Scheidewege”, Februar 1951, Renate sahen. Zunächst trauten wir unseren Augen nicht. Ein Mädchenbild in unserer Jungenzeitschrift? Als wir dann aber lasen, dass dieses Mädchen verbissen darum kämpfte, auch Messdienerin zu werden und dafür bereits ihre ganze Schulklasse mobil gemacht hatte, da wurde uns klar, Renate könnte eine von uns sein. Es blieb nicht aus, dass Renate unser Star wurde. Sie war der Traum aller Jungen. Ihr Bild wurde heimlich während des Unterrichts unter dem Schultisch weitergereicht und nahezu ein jeder Junge war in sie verliebt. Renate war 13 Jahre alt, genau wie wir.

Renate, der heimliche Jungentraum
Renate, der heimliche Jungentraum

Diese ganze Geschichte, angefangen bei der Neuorientierung unserer Interessen am Anfang, bis zur Renate, deren Bild wir heimlich unter dem Tisch weitergereicht hatten, stand mir schlagartig vor Augen, als ich ziemlich genau dreißig Jahre später in einer Klasse mit 13-jährigen Jungen und Mädchen beobachtete, wie sich die Jungen heimlich ein Heft unter dem Tisch zuspielten. Wie sich zeigte, handelte es sich jedoch nicht um ein Heft mit einem Mädchen, wie Renate, sondern um ein Porno-Heft, das ein Junge mitgebracht hatte. Arme Jungs, war mein erster Gedanke. Ausgelöst durch diesen Vorfall beschäftigte mich dann doch eine Frage: Hat die Zeit, in die unsere Kinder heute hineingeboren werden, in der sie aufwachsen und Orientierung finden sollen im Vergleich zu der Zeit, in der wir aufwuchsen und unsere Ideale suchten, einen kulturellen Gewinn oder einen kulturellen Verlust erfahren? Sollte es ein Gewinn sein, wer ist dann der Gewinner? Sollte es jedoch ein Verlust sein, wer ist dann der Verlierer?  

Wird fortgesetzt!


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