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Saalhauser Bote Nr. 27, 2/2010
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Mutter Driesch. Aus bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen von Josefa Berens – Totenohl.

von Heinrich Würde

Dreimal hat Mutter Driesch Abschied genommen, und jedes Mal stand irgendwo unsichtbar der dunkle Tod hinter der Türe, die sie fest schloss, wenn wieder einer ihrer Söhne ins Feld zog.

Sie barg ihr Runzelgesicht in das raue Handtuch, das gleich zwischen Tür und Herd hing, und lauschte den Schritten, welche draußen über das Pflaster stapften und verklangen. Dann wischte sie unwillig noch einmal über die Augen, senkte den grauen Kopf, der schon gerne müde geworden wäre, um einen Schatten tiefer und begann Holz zu spalten für morgen. Sie lockte die Hühner, fütterte Kuh und Ziege, ging in den Keller, die Kartoffeln für die Aussaat zu sortieren oder sie einzukellern, je nach Jahreszeit und Notwendigkeit.

Eine Viertelstunde später trug dann die Eisenbahn den Sohn, diesmal den vierten, nahe unter ihrem Hause vorbei: nach Berlin, nach Frankfurt, nach Offenbach - sie weiß es nicht einmal, und es ist auch gleich, das Hier und Dort, denn allemal kommt hinterher Frankreich. Italien, die Türkei - - - mehr weiß sie schon nicht. Solch ferne Namen hat sie nie im ihrem Leben lernen brauchen. Soweit haben ihre beiden ersten der ältesten Söhne, fahren müssen, um den Tod zu haben.

Der älteste liegt in Frankreich, der zweite in Russland. Gott wird sie wissen, betet sie in der Nacht, wenn sie ihr Herz verlieren könnte vor Jammer um die beiden. Aber den dritten sandte sie hinterher, und nun den vierten. Bei dem wurde ihr das Wort doch fast zu schwer. Weinen hat sie nicht wollen, dazu ist in der Nacht noch Zeit. So hat sie ihm nur kurz ohne ein Sterbenswörtlein sein Kreuz auf Stirn und Mund und Herz geschrieben, darauf sich selber, und hat ihn aus der Tür geschoben. Hätte er sich umgesehen, nicht einen Wink würde er mehr bekommen haben. Aber er sah sich nicht um. Niemals.

An die Arbeit ist die Mutter gegangen. Fast litt sie nicht, dass der Karl, der jüngste, der mit dem Bruder zum Zuge ging, mit Hand anlegte. Dann ratterte der Zug vorbei. Mutter Driesch arbeitete. Ihre rauen Hände stürzen an den Säcken, schütteln, müssen mehr tun denn schaffen. Aber heimlich, tief im Innern, lauscht ein bebend Herz und schlägt im Takt der Lokomotive, die den vierten fort von ihrem Leben trägt. Und ihr Auge sucht den fünften, den letzten. Ein Kind sieht sie in ihm. Er ist auch nicht mehr.

Der Winter kommt. Mit eisiger Kälte deckt er die Welt zu. Aber der Tod geht ungehindert seine Wege. Meldungen kommen. Tränen werden geweint. Mutter Driesch wundert sich, ihre Söhne schreiben, dass es ihnen gut geht. Sie hat sich fast ans Sterben gewöhnt. Aber der Winter geht hin.

Karl hilft arbeiten, sorgen. Er sieht die Mutter eisgrau werden. Ihre Hände zerschrumpfen, ihr Gesicht zerfurcht sich. Ihre Augen sind wie Lichter, die vom Leben selber zu zehren beginnen. Sie arbeitet weiter. Im Dorf sagen sie, dass sie kein Fühlen hätte. „Nicht einen Tag ließ sie von ihrer Arbeit, ob ihre Söhne gingen oder starben. Und die Burschen sind ihr gleich."

Dann muss auch Karl fort. Zur letzten Mahlzeit sitzt er mit der Mutter am Tisch. Er hat es schwerer als die Brüder in ihrer Stunde. Er lässt der Mutter keinen mehr zum Trost zurück. Was wird sie tun, wenn sie die Türe hinter ihm zuschiebt? Arbeiten?

Da steht sie plötzlich vom Tisch auf. „Ich habe noch etwas für dich zu besorgen, fast hätte ich es vergessen!" Fort ist sie aus dem Haus. Er weiß, sie wird erst kommen, wenn es Zeit ist. Es fängt schon an. Sie hat es auch zu schwer gehabt. Da kommt ihm ein Gedanke. Heran! Schnell! Und als gälte es, der Mutter Leben zu retten, beginnt er, das Brunnenrinnsal aus dem Trog ins Haus zu leiten. Heu wirft er die Menge unter die Kuh und Ziege, dass die Mutter erbosen wird. Den lustigen kleinen Ferkeln öffnet er den Zwinger, dass sie munter dreinlaufen werden. Hundert Dinge findet er, die sich lösen, hundert die sich knüpfen lassen - - -

Dann ist es Zeit. Schon harren die Kameraden draußen. Da, eilends ist die Mutter in der Tür. „ Karl!" und schon braust der Brunnenkübel in die Küche und Stallung, die Tiere blöken und brummen, die Ferkel tummeln sich in der schönen Flut, die ihnen eigens an diesem Tage geschenkt wird. Es ist ein einziger Aufruhr im Haus. Mutter Driesch muss retten - - retten - -! „ Ich hab's ihr erspart, es wäre doch zu schwer gewesen!" bekennt Karl seinen Kameraden, während sie weit in die dunkle Ferne hinausfahren.

In der Nacht aber sucht Mutter Driesch ihre Söhne. Weit muss ihr Herz wandern. Millionen Mütter begegnen ihr. Das Vaterland muss etwas sehr Teures sein, dass die Menschen soviel darum leiden können. Früher hat sie das nicht gewusst.


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